Früher wusste ich nicht …

Früher wusste ich nicht, was man zu den Leuten sagen kann und was nicht. Aber jetzt weiß ich es natürlich.
Schließlich würde ich nicht mehr zu irgendeiner Professorin im Museum sagen: „Kennen Sie diese eine Stelle aus Alice in Wonderland? Da, wo es heißt:

‚[…] the patriotic archbishop of Canterbury, found it advisable —‘
‚Found what?‚ said the Duck.
‚Found it,‘ the Mouse replied rather crossly: ‚of course you know what „it“ means.‘
‚I know what „it“ means well enough, when I find a thing,‘ said the Duck: ‚it’s generally a frog or a worm. The question is, what did the archbishop find?‘

Warum auch? Sie finden es sowieso nie lustig.

Ein gemütliches Plätzchen

Ein schönes, gemütliches Plätzchen für eine kleine Rast. Ich sitze auf dem höchsten Felsen hinter dem Baum, lasse mir den Wind um die Ohren wehen, der perfekte Ort, um in aller Ruhe die mitgebrachte Wegzehrung zu verspeisen.
Plötzlich steht ein Typ neben mir und sagt: „Entschuldigung, da muss ich ihre Ruhe jetzt mal stören.“ „Musst du das?“, denke ich, bin aber zu verdutzt, um etwas zu sagen, außerdem habe ich gerade ein Brötchen im Mund. Vermutlich hätte er es sowieso nicht gehört, denn schon ruft er in voller Lautstärke: „Uli! Hier oben! Hier sind wir! Uli!“ „Wir?“, denke ich. Und schon steht auch noch ein ca. 13-jähriger Junge neben mir und ruft ebenfalls herunter: „Marie! Hier oben! Hier Marie! Wir gehen jetzt wieder runter!“ „Ja, bitte“, denke ich. Während der Junge wieder runterklettert, quasselt der Vater noch eine Weile auf mich ein und bemerkt gar nicht, dass ich ihm nicht antworte. „Ist ja ein gemütliches Plätzchen hier, was?“ Das war es mal …

Karton-Tag

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an meinen letzten Bericht über den Weg zum Wertsoffhof. Hier ist quasi Teil 2. Ich wurde gebeten, einige Umzugskartons abzuholen. Was ich zunächst nicht wusste: „Wir haben die gerade so günstig bekommen, ca. 50 Stück, zwar haben wir keinen Platz in unserem Keller, aber du könntest sie eventuell kurzfristig beherbergen.“

Um die 50, wie sich später herausstellte 95, Kartons dann auch unterbringen zu können, mussten einige Teile, die schon lange auf Entsorgung warteten, weggebracht werden. Ein altes Regal und Stühle – kurz gesagt: Wieder einmal stand eine Fahrt zum Wertstoffhof an.

Ich holte also den Wagen (ich habe keinen eigenen, sondern nutze car sharing) und fuhr zum Wertstoffhof. Als ich dort ankam, fiel mir auf, dass ich die Sachen vergessen hatte. Ich war mit einem leeren Wagen zum Abladeplatz gefahren. Gekonnt! Ich fuhr an der Auffahrt drauf und auf der anderen Seite gleich wieder runter. „Gut“, dachte ich mir. „Die Strecke ist sicher. Einwandtfrei. Jetzt holst du die Sachen.“

Dann waren die Kartons dran. Ich lud mir zwei Beifahrer in den Wagen, kurvte ein bisschen hier und da herum, fand schließlich die gewünschte Straße, und wir luden den Wagen randvoll mit den Kartons. Leider passten jetzt nur noch zwei Leute in den Wagen, daher musste eine Person sich erst mal von den Kartongebern zum Kaffeetrinken einladen lassen, während ich mit Beifahrer No 2 den Wagen ent- und den schön freigeräumten Keller belud. (Ob ich diese Kartons jemals wieder loswerde, weiß ich nicht, aber falls ich mal umziehen sollte, muss ich jedenfalls nicht alle Teile einzeln tragen.

Der Keller ist nun also bis unter die Decke ausgestopft, wir holen also Person 1 wieder ab. In die Vorfahrtstraße will ich links einbiegen, aber Beifahrer No 1 sagt: „Warum fährst du nicht rechts? Ist doch viel kürzer.“ Ich blinke also rechts, dann fällt mir aber ein, rechts ist doch diese wahnsinnige Kreuzung mit tausend Busspuren und dann die Hauptstraße, wo ich nicht links rüber kann. Scheiße! Schnell blinke ich wieder links. „Quatsch“, meint Beifahrer No 2. „Hier kommst du doch viel schneller drauf, wenn du rechts fährst.“ Den Verkehr beobachtend denke ich: „Scheiße, ja“, blinke rechts und denke dann wieder an die Kreuzung und daran, dass ich den anderen Weg eben schon einmal gefahren bin, ohne dass jemand oder etwas zu Schaden gekommen ist. Ich blinkte wieder links, und alle anderen Verkehrsteilnehmer liebten mich sehr dafür.

Aber eins will ich nochmal dazusagen: Das Einparken war so grazil, wie so ein Kombi eben nur sein kann – wie im Lehrvideo.

Ist das Ihr Fiat?

Autofahren – Manchem nicht in die Wiege gelegt. Der Weg zum Wertstoffhof UND zurück!

  1. Den Wagen von der Car-Sharing-Station abholen. (Check)
  2. Als eingeschleifter Radfahrer an der ersten Kreuzung reflexartig den linken Arm gegen die Autotür knallen, statt zu blinken. (Check)
  3. In kleinen Schritten denken: Erstmal den Weg nach Hause glimpflich überstehen. (Check)
  4. Den Wagen in Ermangelung freier Parkplätze im Garagenhof hinter dem Haus parken und beginnen, die Sachen im Keller zusammenzusuchen. (Sind das Schritte und Stimmen im Treppenhaus? Bestimmt wird irgendeiner von den Nachbarn mich ansprechen, mich vollquatschen, fragen, warum ich diesen Plattenspieler zum Wertstoffhof bringe, der sieht doch noch gut aus! Er will zusehen, wie ungeschickt ich den Wagen im Garagenhof drehe, den Motor dreimal abwürge und in der Einfahrt stecken bleibe. Unsinn. Da will nur jemand nach Hause oder zum Einkaufen und schert sich keinen Deut darum, was du in deinem Keller rumwühlst oder wie deppert du dich anstellst, wenn du den Wagen wendest. Ja, stimmt.
  5. Jetzt aber wirklich: Die Sachen zusammensuchen und im Kofferraum verstauen. – „Hallooooo? Ist das Ihr Fiat, der da vor meiner Garage steht?“ (Eine fremde Frau steht im Kellergang und will, dass ich den Wagen von ihrer Garage wegfahre. Was mache ich denn jetzt nur? Den Wagen wegfahren?
  6. „Entschuldigen Sie bitte vielmals“, vor sich hinplappern. (Check)
  7. Weiterplaudern und den Weg freimachen. („Ja, ja. Sowas kann ja schon mal vorkommen“, meint die Garagenbesitzerin. Aber sie wolle da jetzt kein Risiko eingehen. Nein, natürlich nicht, ich auch nicht. Ok. „Äh, also können Sie mir dann nur eben noch sagen, wie ich jetzt am besten fahren soll?“ „Na ja, am besten doch wohl ein Stück zurück“, schlägt sie vor. Ja, das wird das beste sein. Also, nach vorne geht ja nicht. Da steht ja quasi der Wagen. „Entschuldigung nochmal.“ „Ja, ja.“
  8. Einsteigen, Kupplung, Schlüssel, Gang, Handbremse. Yes!! (Check, check, check, check, check)
  9. Aussteigen, verbeugen. (Besser kann’s nicht werden)
  10. Den Rest der Fahrt geflissentlich verschweigen.

Nur so allgemein, falls jemand einen guten Rat hat, wie man anfahren kann, ohne dass alle Schirme und Wackeldackel von der Ablage fliegen, sind Hinweise willkommen.

Kassenblues

Wer die eine oder andere hermeneutische Fähigkeit hat, wird wissen, dass ich in einem Supermarkt arbeite, meistens als Packkraft, aber zuweilen auch an der Kasse. Wobei die Vorgesetzten untereinander uneins sind, ob es nicht eine Zumutung sei, mich dort einzuplanen, weniger für mich als vielmehr für die Kunden und den Laden.
„Also, Sie an die Kasse zu setzen, das ist wie von jemandem, der nichtmal einen Hauptschulabschluss hat, zu verlangen, dass er sich mit einem Professor unterhält.“
Ein eigenartiges Bild. Noch eigenartiger vielleicht: Das sollte eine Art Kompliment sein, während das notorische „Natürlich können Sie das“ keineswegs als Ermunterung gedacht ist, sondern bloß der chronischen Fehlbesetzung geschuldet ist – um den Preis einer Kassendifferenz von lieber nicht genannten soundsoviel Euro. „Chef X soll Ihnen dafür ja keine Strafpredigt halten. Er ist doch selbst Schuld. Was plant er Sie da auch ein. Das sieht doch ein Blinder mit nem Krückstock, dass Sie es an der Kasse einfach nicht draufhaben.“
Sucht jemand eine arbeitslose Geisteswissenschaftlerin ohne jegliches Talent, 10- und 50-Euro-Scheine voneinander zu unterscheiden?

Warum eigentlich Unsinn?

Das Motto dieses Blogs: „Den Unsinn bevorzuge ich, aber das ist eine rein persönliche Angelegenheit“ ist ein Zitat von Kurt Schwitters, der sich dem Unsinn nicht nur verschrieben, sondern geradezu verlebt hat. Schwitters ist ein Vertreter des Dadaismus, einer „irgendwie anderen“ Art mit Sprache und Gegenständen des täglichen Lebens umzugehen.
„Unsinn ist kein Blödsinn“, hat Hans Arp, ein Freund und Kollege von Schwitters einmal gesagt. Er ist eine Absage an einen festlegbaren Sinn und auch an den Zwang, nützlich und zweckmäßig sein zu müssen. Es ist daher auch nicht einfach, etwas Sinnvolles oder Erklärendes darüber zu sagen.
Kurt Schwitters war einer der ersten Künstler, auf die ich aufmerksam geworden bin und dessen Werke mich unmittelbar angesprochen haben.
Die Gewalt der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts, der Missbrauch von Sprache für Kriegspropaganda machen verständlich, welche Bedeutung die Ablehnung strenger Formen für Künstler dieser Zeit hatte. Sprache anders zu benutzen und sie davon zu befreien, nutzen und (einer schlechten Sache) dienen zu müssen, ist ein Ausdruck von Freiheit, ein Beweis, dass es Wege gibt, sich der Gewalt zu entziehen.
In einem Gedicht von Hans Arp, Die große Firgelei, ist die Rede von „unsichtbaren Wolken“ und davon, dass die „Überzermalmer“ fort sind. Sie können das unsichtbare Schöne nicht zerstören, sie können es nicht einmal sehen in ihrer Grobheit.
Unsinn hat für mich immer etwas von heimlichem Entkommen, auf Wegen, die am Gewöhnlichen vorbeiführen. Das gilt nicht nur für Situationen politischer Verfolgung, der sich Künstler wie Schwitters und Arp ausgesetzt sahen.
Das Besondere an Schwitters ist für mich auch seine positive Art, die nicht auf die bloße Zertrümmerung abgelehnter Strukturen aus ist, sondern die eine eigene Welt schafft und eigenen Gesetzen folgt, nämlich gar keinen.

Soweit ein kleiner Einblick, warum Unsinn mir viel bedeutet. Nicht nur Unsinn ‒ alles, was schön ist.